Wie viel früher könntest du aufhören?
Die Frage, die mir gestellt wird, heißt meistens: Reicht das jetzt für die Rente? Die Frage dahinter heißt anders.
Die Frage, die mir gestellt wird, heißt meistens: Reicht das jetzt für die Rente? Die Frage dahinter heißt anders.
Sie heißt: Muss ich eigentlich noch so viel arbeiten?
Das ist keine Wortklauberei. Die beiden Fragen haben verschiedene Antworten — und nur eine davon ändert etwas an deinem nächsten Jahr.
Eine Rentenlücke schließt man normalerweise mit einem Sparplan. Jeden Monat etwas weglegen, dreißig Jahre lang, bis genug da ist. Die Frage dabei lautet: Wie viel muss ich weglegen?
Geld, das vorher jemand anderem gehört hat, ist kein Sparplan. Es ist auf einmal da — ob es vererbt oder zu Lebzeiten übergeben wurde, ändert daran nichts.
Damit dreht sich die Frage um. Sie lautet nicht mehr, wie viel du weglegen musst, sondern wie lange reicht das, was schon da ist. Das ist eine Entnahme-Rechnung, und die funktioniert anders. Sie sagt dir nicht nur, ob du im Alter hinkommst. Sie sagt dir auch, was du vorher ändern könntest.
Genau deshalb ist die Antwort „dann machen wir da eine Rentenversicherung draus" so unbefriedigend. Sie beantwortet die Frage, die du gestellt hast. Nicht die, die du eigentlich hast.
Die meisten rechnen mit der Summe, die im Erbschein steht. Verfügbar ist fast immer weniger.
Ein Haus ist kein Geld, solange es steht. Behalten, vermieten oder verkaufen sind drei völlig verschiedene Rechnungen — und wenn Geschwister dabei sind, gehört die Auszahlung dazu. Die Erbschaftsteuer wird fällig, oft bevor überhaupt etwas flüssig ist. Ein übernommenes Depot hat einen Wert auf dem Papier und eine Steuerfrage im Hintergrund, sobald du es anfasst.
Was danach übrig bleibt, ist die Zahl, mit der gerechnet wird. Nicht die aus der Urkunde. Wer diesen Schritt überspringt, rechnet sich reich und wundert sich später.
Das ist die Zahl, die fast niemand kennt. Nicht ungefähr — sondern was tatsächlich jeden Monat rausgeht, inklusive der Dinge, die nur einmal im Jahr kommen.
Erst wenn die steht, lässt sich die eigentliche Frage rechnen: Wie viel fehlt dir im Monat, wenn du weniger arbeitest? Und wie lange reicht dein Vermögen dafür?
200.000 Euro. 800 Euro weniger im Monat. Zwanzig Jahre.
Angenommen, nach Steuer und Geschwistern bleiben 200.000 Euro übrig, die wirklich verfügbar sind. Und angenommen, du gehst von fünf auf vier Tage und dir fehlen dadurch 800 Euro netto im Monat. Das sind 9.600 Euro im Jahr. Ohne jede Rendite reicht das Geld für diesen einen Tag pro Woche rund zwanzig Jahre.
Das ist grob gerechnet. Steuern, Sozialabgaben, Rendite, Inflation und deine Rentenansprüche verschieben das in beide Richtungen, und zwar spürbar. Aber die Größenordnung stimmt — und die Größenordnung brauchst du zuerst. Solche Entscheidungen trifft niemand an der zweiten Nachkommastelle.
Der Unterschied zur Ausgangsfrage ist der Punkt. Aus einer abstrakten Lücke, die irgendwann mit 67 auftaucht, wird ein Tag pro Woche, den du ab nächstem Quartal haben könntest. Darüber kann man entscheiden. Eine Versorgungslücke kann man nur mit sich rumschleppen.
Alle rechnen nach unten. Reicht es? Bleibt genug? Halte ich durch?
Dieselbe Rechnung beantwortet aber auch die andere Richtung: was du dir leisten kannst, ohne dass es dumm wäre.
Bei so einem Geld ist der erste Reflex Zurückhalten. Das Geld anfassen fühlt sich an wie verbrauchen, und verbrauchen fühlt sich an wie entwerten. Also bleibt es liegen — auch die Beträge, die überhaupt nichts kippen würden. Die Reise, die seit acht Jahren verschoben wird. Das Jahr, in dem ein Kind mal nicht rechnen muss.
Wenn die Rechnung zeigt, dass ein solcher Betrag deine Zukunft nicht anrührt, dann ist er keine Gefahr mehr. Dann ist er eine Entscheidung.
Etwas von dem Geld ins eigene Leben zu holen, ist keine Respektlosigkeit gegenüber dem, der es aufgebaut hat. Es ist der Weg, wie aus seinem Geld dein Leben wird.
Sie ist keine Produktfrage. Am Ende steht kein Vertrag, sondern eine Reihenfolge: was zuerst, was später, was gar nicht.
Sie ist auch keine Steuerberatung. Die bleibt bei deinem Steuerberater, so wie die Rechtsfragen bei deinem Anwalt bleiben. Meine Aufgabe ist, dass die beiden nicht aneinander vorbeiarbeiten und am Ende dein Leben herauskommt und nicht nur ein Bescheid.
Und sie ist nicht in einer Stunde erledigt. Die wichtigste Zahl darin — was dein Leben kostet — kennt kaum jemand auswendig.
„Wie viel früher kann ich aufhören?" hat einen Vorteil gegenüber „reicht das für die Rente?". Man kann sie beantworten.