Wissen
Der Notfallordner
Was passiert, wenn ihr morgen nicht mehr da seid? Nicht in 30 Jahren – morgen.
Kein Altersthema. Ein Jederzeit-Thema.
Autounfall. Schlaganfall. Plötzliche Krankheit. Das passiert nicht nur mit 70 – das passiert mit 35, mit 42, mit 51. Jeden Tag.
Die Frage ist nicht, ob etwas passiert. Die Frage ist: Wüsste euer Partner, was zu tun ist?
Wo ist das Depot? Welche Versicherungen laufen? Wer ist der Steuerberater? Gibt es eine Vorsorgevollmacht – und wo liegt sie?
Wenn ihr diese Fragen nicht beantworten könnt – für euren Partner, nicht für euch – dann hinterlasst ihr im Ernstfall kein Vermögen. Ihr hinterlasst Chaos.
Eine Frau kam nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes zu mir. Herzinfarkt, 48 Jahre alt. Sie wusste nicht, bei welcher Bank das Depot lag. Nicht, welche Versicherungen liefen. Nicht, ob die Baufinanzierung abgesichert war. Es dauerte vier Monate, bis sie einen Überblick hatte – vier Monate in der schlimmsten Zeit ihres Lebens, in denen sie Formulare ausfüllen musste statt zu trauern.
Das war kein Sonderfall. Es ist der Normalfall.
Eure Notfallordner-Checkliste
Hakt ab, was ihr bereits geregelt habt. Euer Fortschritt wird im Browser gespeichert – ihr könnt jederzeit zurückkommen.
Arbeitsblatt herunterladen (Excel) ↓
Konten & Finanzen
Notiert jeweils: Anbieter, Vertragsnummer, Vertragsinhaber und Kontaktdaten des Vermittlers (falls vorhanden).
Versicherungen
Notiert jeweils: Anbieter, Vermittler mit Kontaktdaten, Vertragsnummer und Versicherungsnehmer.
Vollmachten & Verfügungen
Verträge & Verpflichtungen
Digitale Zugänge
Wichtige Ansprechpartner
Was die Checkliste nicht zeigt
Digital stirbt man zweimal.
Euer physischer Nachlass ist das eine. Aber was passiert mit euren E-Mail-Konten, eurem Online-Banking, euren Social-Media-Profilen, euren Cloud-Speichern? Ohne Passwort-Manager und dokumentierten Zugang ist euer digitales Leben für den Partner unerreichbar. Und dort liegen oft die Verträge, die Rechnungen, die Korrespondenz.
Der Erbschein dauert Wochen.
Ohne Testament erbt ihr nach Gesetz. Das klingt unkompliziert – ist es aber nicht. Ein Erbschein dauert 6–8 Wochen. In dieser Zeit ist das Konto des Verstorbenen gesperrt. Keine Miete, keine Versicherungsprämien, keine laufenden Kosten können bezahlt werden. Eine Kontovollmacht über den Tod hinaus umgeht das – aber nur, wenn sie vor dem Todesfall eingerichtet wurde. Ohne den Zusatz „über den Tod hinaus“ kann die Bank die Vollmacht nach Kenntnisnahme des Todesfalls sperren.
Gemeinsames Konto ist kein Schutz.
Viele denken: „Wir haben ein Gemeinschaftskonto, das reicht.“ Nein. Beim Tod eines Kontoinhabers wird das Gemeinschaftskonto zur Hälfte dem Nachlass zugerechnet. Die Bank kann den Zugang einschränken, bis die Erbenstellung geklärt ist. Ein Gemeinschaftskonto ersetzt keine Vollmacht und kein Testament.
Vollmacht ist nicht gleich Vollmacht
Drei Dokumente, die völlig unterschiedliche Dinge regeln – und die trotzdem ständig verwechselt werden:
Kontovollmacht (transmortale Vollmacht)
Erlaubt eurem Partner, auf eure Bankkonten zuzugreifen – auch im Todesfall. Wichtig: Achtet darauf, dass sie ausdrücklich „über den Tod hinaus“ gilt. Ohne diesen Zusatz kann die Bank den Zugang nach dem Tod sperren. Holt euch das Formular in der Bank – am besten geht ihr gemeinsam hin.
Vorsorgevollmacht
Ermächtigt eine Person eurer Wahl, Entscheidungen für euch zu treffen, wenn ihr es selbst nicht mehr könnt. Finanzen, Wohnung, Behördengänge – alles. Ohne Vorsorgevollmacht bestellt ein Gericht einen Betreuer. Das kann ein Fremder sein.
Patientenverfügung
Legt fest, welche medizinischen Maßnahmen ihr wollt – und welche nicht. Lebenserhaltende Maßnahmen, künstliche Ernährung, Beatmung. Das ist nicht dasselbe wie eine Vorsorgevollmacht.
Ohne diese Dokumente entscheidet im Ernstfall ein Gericht – nicht die Person, der ihr vertraut.
Der häufigste Fehler: Die Vorsorgevollmacht im Schreibtisch. Einmal unterschrieben, abgeheftet, vergessen. Aber: Eine Vorsorgevollmacht muss der Person, die handeln soll, bekannt und zugänglich sein. Im Ernstfall um 3 Uhr morgens im Krankenhaus hilft ein Dokument nichts, das in einem verschlossenen Safe liegt, zu dem nur ihr den Code kennt.
Meine Empfehlung: Gebt der bevollmächtigten Person eine Kopie. Hinterlegt das Original beim Vorsorgeregister der Bundesnotarkammer. Und sagt eurem Hausarzt Bescheid.
Ein Notfallordner ist kein Finanzthema
Er ist ein Beziehungsthema. Wer ihn nicht hat, hinterlässt im Ernstfall Chaos – nicht Vertrauen.