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Wissen

Eure Renteninformation verstehen – in 10 Minuten.

Einmal im Jahr kommt ein Brief von der Deutschen Rentenversicherung. Die meisten schauen auf die größte Zahl – und fühlen sich beruhigt. Warum das ein Fehler ist.

Was ist die Renteninformation?

Die Renteninformation ist ein jährlicher Brief der Deutschen Rentenversicherung, der euch ab dem 27. Lebensjahr zeigt, wie hoch eure gesetzliche Rente voraussichtlich ausfällt. Auf einer einzigen Seite stehen drei Zahlen – und genau diese drei Zahlen bestimmen, wie Millionen von Menschen über ihre Zukunft denken.

In 20 Jahren Beratung habe ich hunderte dieser Briefe gesehen. Und bei fast allen dasselbe erlebt: Die Zahl gibt ein Gefühl von Sicherheit – das in der Realität nicht hält.

Die drei Zahlen auf eurem Brief

Euer Brief enthält drei Beträge. Alle drei sind brutto – also vor Steuern und Abgaben. Und genau hier beginnt das Problem.

1. Rente wegen voller Erwerbsminderung

Das ist der Betrag, den ihr bekommen würdet, wenn ihr heute aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten könntet. Nicht die Rente, auf die ihr hinarbeitet – sondern ein Sicherheitsnetz für den Ernstfall.

Diese Zahl ist bei den meisten erschreckend niedrig – oft unter 1.000 €. Und das ist der Betrag, bevor Steuern und Sozialabgaben abgezogen werden. Wenn ihr keine Berufsunfähigkeitsversicherung habt, ist das eure einzige Absicherung bei Krankheit. Lasst das sacken.

2. Regelaltersrente ohne Rentenanpassung

Was ihr am Regelrentenalter bekommt, wenn die Renten ab jetzt nicht mehr steigen. Eine konservative Schätzung – gewissermaßen das Worst-Case-Szenario. Dieser Wert wird oft übersehen, ist aber der ehrlichste der drei.

Aber auch dieser Wert geht davon aus, dass ihr bis 67 durchgehend einzahlt – keine Elternzeit, kein Jobwechsel mit Gehaltseinbuße, keine Selbständigkeit, kein Sabbatical. Wie realistisch ist das für euer Leben?

3. Regelaltersrente mit Rentenanpassung

Was ihr bekommt, wenn die Renten jährlich um ca. 1–2 % steigen. Das ist die Zahl, auf die die meisten schauen. Sie sieht am besten aus – und ist gleichzeitig am irreführendsten.

Hier steckt der größte Denkfehler: Die Rentenanpassung wird als „Plus“ verkauft. Aber sie gleicht nur die Inflation aus – manchmal nicht einmal das. Ihr bekommt nominal mehr, real aber nicht. Wer sich auf diese Zahl verlässt, plant mit Geld, das es in Kaufkraft nie geben wird.

Kurz gesagt: Die größte Zahl auf eurem Brief ist die, der ihr am wenigsten vertrauen solltet.

Die fünf Lügen der Renteninformation

Lügen ist ein starkes Wort. Aber der Brief erzählt euch eine Geschichte, die mit eurem echten Leben wenig zu tun hat. Fünf blinde Flecken, die in keiner Zeile auftauchen:

1. Sie tut so, als würdet ihr durcharbeiten.

Die Hochrechnung basiert darauf, dass ihr ab jetzt bis 67 jeden Monat den gleichen Beitrag einzahlt. Keine Elternzeit, kein Sabbatical, kein Jobverlust, keine Teilzeit ab 55, keine Pflege der eigenen Eltern. Wer hat so ein Leben? In meiner Beratung habe ich noch nie jemanden gesehen, bei dem die Hochrechnung der Renteninformation am Ende gestimmt hat. Nie.

2. Sie ignoriert, dass ihr älter werdet.

Die Zahl sagt nichts über Pflegekosten, steigende Gesundheitsausgaben, den Wegfall des Partners oder den Moment, in dem ihr nicht mehr Auto fahren könnt und plötzlich Taxi zahlt. Mit 67 braucht ihr vielleicht 2.000 €. Mit 82 können es 3.500 € sein – allein durch Zuzahlungen, Haushaltshilfe und Mobilität.

3. Sie verschweigt die Steuer-Falle.

Bis 2058 steigt der steuerpflichtige Anteil der Rente auf 100 %. Wer heute 45 ist und 2048 in Rente geht, versteuert nahezu seine gesamte Rente. Das steht nirgendwo im Brief. Und die wenigsten wissen: Auch Betriebsrenten und private Renten erhöhen den persönlichen Steuersatz. Wer gut vorgesorgt hat, zahlt auf die gesetzliche Rente mehr Steuern – nicht weniger.

4. Sie rechnet ohne die Abgaben.

Kranken- und Pflegeversicherung kosten im Ruhestand aktuell ca. 11 % – und der Pflegebeitrag steigt seit Jahren zuverlässig. Der Brief zeigt Brutto. Euer Konto sieht Netto. Und zwischen diesen beiden Zahlen liegen mehrere hundert Euro im Monat, die einfach fehlen.

5. Sie sagt nicht, ob es reicht.

Das ist die größte Lücke. 2.100 € brutto Rente bei jemandem, der 1.800 € braucht, ist eine völlig andere Situation als bei jemandem, der 3.500 € braucht. Der Brief behandelt beide gleich. Er liefert eine Zahl ohne jeden Kontext – und überlässt es euch, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Die meisten ziehen die falschen.

Beispielrechnung: Was von 2.100 € übrig bleibt

Bruttorente laut Renteninformation 2.100 €
Minus Steuern (ca. 15–20 %, je nach Renteneintrittsjahr) − 315 €
Minus Kranken- & Pflegeversicherung (ca. 11 %) − 231 €
Netto heute ca. 1.554 €
Kaufkraft in 20 Jahren (bei 2 % Inflation) ca. 1.045 €

Was bei einem Paar passiert

Partner A: Bruttorente (Vollzeit-Karriere) 1.800 €
Partner B: Bruttorente (Teilzeit, Elternzeit-Effekt) 900 €
Zusammen brutto 2.700 €
Minus Steuern und Abgaben (beide zusammen) − ca. 620 €
Netto heute (zusammen) ca. 2.080 €
Kaufkraft in 20 Jahren (bei 2 % Inflation) ca. 1.400 €

Davon soll ein Paar leben, das heute zusammen 5.500 € netto verdient. Der Lebensstandard, den ihr euch aufgebaut habt – er ist mit dieser Rente nicht haltbar. Nicht annähernd.

2.100 € klingt gut. 1.045 € Kaufkraft klingt anders. Und 1.400 € für ein Paar, das heute über 5.000 € gewohnt ist, ist keine Rentenlücke – das ist ein Abgrund.

Was ihr wirklich tun solltet

Nicht „prüft mal eure Ausgaben“. Das ist zu vage. Hier sind drei konkrete Schritte, die einen echten Unterschied machen:

1. Fordert einen Versicherungsverlauf an.

Nicht die Renteninformation – den Versicherungsverlauf. Das ist ein anderes Dokument. Es zeigt, ob alle eure Zeiten korrekt erfasst sind: Ausbildung, Studium, Kindererziehungszeiten, Bundeswehr oder Zivildienst, Zeiten der Arbeitslosigkeit, Minijobs.

In meiner Beratung stelle ich bei mehr als der Hälfte aller Mandant:innen Korrekturen fest. Fehlende Ausbildungsjahre, nicht erfasste Kindererziehungszeiten, falsch zugeordnete Beiträge. Jeder fehlende Monat kostet euch Rente – dauerhaft. Den Versicherungsverlauf könnt ihr kostenlos bei der Deutschen Rentenversicherung anfordern. Tut es. Heute.

2. Rechnet euren echten Bedarf.

Vergesst die Faustregel „70 % vom letzten Gehalt“. Die stimmt für niemanden. Rechnet stattdessen eure konkreten Posten durch:

  • Wohnen: Miete – oder Nebenkosten und Instandhaltung, wenn die Immobilie abbezahlt ist. Viele unterschätzen, was ein abbezahltes Haus trotzdem kostet.
  • Gesundheit: Zuzahlungen, Zahnersatz, Brille, Hörgeräte, Physiotherapie. Diese Kosten steigen mit jedem Lebensjahr.
  • Mobilität: Kein Dienstwagen mehr. Kein Jobticket. Dafür irgendwann Taxikosten oder Fahrdienste.
  • Freizeit und Reisen: Mehr Zeit bedeutet mehr Ausgaben. Wer im Ruhestand aktiv sein will, braucht dafür Budget.
  • Versicherungen: Private Krankenversicherung im Alter, Pflegezusatz, Haftpflicht – die Beiträge ändern sich.

Die Differenz zwischen diesem echten Bedarf und eurer Netto-Rente (nach Steuern und Abgaben, nach Inflation) – das ist eure tatsächliche Rentenlücke. Nicht die Zahl aus einem Online-Rechner.

3. Denkt über den Tag hinaus.

Die meisten planen den Renteneintritt. Aber nicht, was danach kommt. Ein paar Fragen, die in keinem Rentenrechner auftauchen:

  • Was passiert, wenn einer von euch pflegebedürftig wird? Pflegeheim-Kosten liegen bei 2.500–4.500 € monatlich – nach Abzug der Pflegekasse. Die Rente deckt das bei den wenigsten.
  • Was passiert bei Scheidung? Im Versorgungsausgleich werden eure Rentenanwartschaften aufgeteilt. Wer 30 Jahre eingezahlt hat, gibt die Hälfte der in der Ehe erworbenen Ansprüche ab.
  • Was passiert bei Frühverrentung? Jeder Monat vor dem Regelrentenalter kostet euch 0,3 % Rente – dauerhaft, nicht nur bis 67. Wer drei Jahre früher aufhört, verliert 10,8 % seiner Rente. Für immer.
  • Was passiert, wenn der Partner stirbt? Die Witwenrente beträgt 55–60 % der Rente des Verstorbenen – und wird mit eigenen Einkünften verrechnet. Das reicht selten.

Die Renteninformation gibt euch eine einzige Zahl. Euer Leben ist keine einzige Zahl. Es ist ein Geflecht aus Wohnsituation, Gesundheit, Partnerschaft, Plänen und Risiken. Wer nur auf den Brief schaut, plant blind.

Beamte & Versorgungswerke

Die Renteninformation der Deutschen Rentenversicherung betrifft euch nicht – aber das Prinzip ist dasselbe: Auch eure Versorgungsauskunft zeigt einen Bruttobetrag, der nach Steuern, Krankenversicherung und Inflation deutlich weniger wert ist als er aussieht.

Der Unterschied: Bei Beamten ist die Ausgangslage oft besser (höheres Niveau, keine Beiträge zur RV), aber die Fallhöhe bei Dienstunfähigkeit oder Teilzeit wird häufig unterschätzt. Bei Versorgungswerken (Ärzte, Anwälte, Architekten) variiert es stark je nach Werk und Einzahlungsdauer.

Die Details sind anders, die Kernfrage bleibt gleich: Reicht es – für das Leben, das ihr euch vorstellt? Schickt mir eure Versorgungsauskunft, ich ordne sie für euch ein.

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Die Renteninformation sagt euch, was ihr bekommt. Nicht, ob es reicht.

Dafür braucht es das Gesamtbild – eure Ausgaben, eure Wünsche, eure Lücken.

Genau dafür gibt es die Ruhestandsplanung – eine klare Einordnung, ob es reicht. Mit einer konkreten Zahl statt einem Gefühl.

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