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Altersvorsorgedepot ab 2027: Warum es kein Selbstläufer ist
Altersvorsorge 5. April 2026

Altersvorsorgedepot ab 2027: Warum es kein Selbstläufer ist

Die unbequemen Wahrheiten hinter der Jubel-Kommunikation

Seit der Bundestag am 27. März 2026 das Altersvorsorgereformgesetz beschlossen hat1, überschlagen sich die Lobeshymnen. Finanzpresse, Neobroker, Fondsgesellschaften – alle feiern den „Paradigmenwechsel“, den „historischen Meilenstein“, die „ETF-Revolution für die Rente“. Der Bundesrat muss noch zustimmen, aber der mediale Zug ist längst abgefahren.

Zeit für ein paar Gedanken, die in der Goldgräberstimmung untergehen.

1. Der Kostendeckel gilt nur für das Standardprodukt – der Rest ist Wildwest

Das Ding ist: Die viel gefeierte 1%-Kostengrenze betrifft nur das sogenannte Standarddepot. Also das Basisprodukt, das jeder Anbieter im Sortiment haben muss. Alles darüber hinaus darf weiterhin kosten, was der Markt hergibt. Und genau da wird der Vertrieb ansetzen, das kannst du dir an einer Hand abzählen.

Die Verbraucherzentralen sagen das auch ganz offen: Für alle anderen Produkte außerhalb des Standards gilt der Deckel nicht2. Die sehen da – fairerweise muss man sagen, zurecht – die reale Gefahr, dass unerfahrene Kunden wieder in teure Produkte gedrängt werden.

Kommt dir das bekannt vor? Mir schon. Die gleiche Geschichte wie bei Riester: Ein gut gemeintes Produkt, das in der Fläche in teuren Verpackungen verschwindet.

Wer glaubt, dass allein durch die Reform plötzlich alle Berater ehrlich werden, hat die letzten 20 Jahre nicht aufmerksam beobachtet.

2. 1% klingt nach wenig – ist rechnerisch ein Desaster

Verivox hat das mal durchgerechnet3. Das Ergebnis ist unangenehm: Ein 25-Jähriger, der den vollen 1%-Kostendeckel bezahlt, hat am Ende rund 16.000 € weniger im Depot als jemand, der dieselbe Sparrate in ein ganz normales, kostenloses Broker-Depot einzahlt – ohne jede Staatsförderung. Die Förderung wird von den Kosten schlicht aufgefressen.

Professor Hartmut Walz, einer der lautesten Kritiker in diesem Thema, hat für die Generation der 20- bis 30-Jährigen einen gesamtwirtschaftlichen Schaden von rund 1,5 Billionen Euro errechnet4 – allein durch den Unterschied zwischen 1,5% Kosten und 0,2%, was in Schweden die gesetzliche Obergrenze ist. Auf den einzelnen Sparer umgerechnet sind das je nach Rendite mehrere zehntausend bis weit über hunderttausend Euro. Selbst mit dem auf 1% reduzierten Deckel bleibt der Effekt gewaltig.

Was heißt das für dich? Wenn du die Produktauswahl nicht selbst in die Hand nimmst oder dich von jemandem begleiten lässt, der kein Provisionsinteresse hat – dann ist ein schlankes Weltportfolio im normalen Depot fast immer die bessere Wahl. Punkt.

3. Riester ist nicht per se schlecht – es kommt auf den Tarif an

Kleiner Einschub, weil hier gerade wieder alle auf Riester einprügeln: Ich schließe mich dem pauschalen Riester-Bashing nicht an. Ich habe in meinem eigenen Kundenbestand viele Riester-Verträge, die richtig gut laufen. Mit Aktienquoten von bis zu 70%, trotz der 100% Beitragsgarantie. Mit Kosten deutlich unter 1%. Mit vernünftigen Rentenfaktoren.

Wie so oft gilt: Es kommt drauf an. Auf den Tarif. Auf das Anlagekonzept. Auf die Fondsauswahl. Auf den Anbieter. Pauschal zu sagen „Riester ist Mist“, ist genauso falsch wie pauschal zu sagen „AVD ist super“. Beides ignoriert, dass die Details über Erfolg oder Misserfolg entscheiden.

Trotzdem sollte man die Gesamtzahlen kennen: Finanzwende hat 96 Verträge untersucht – davon 18 Riester- und 78 Rüruppolicen – und kommt auf durchschnittliche Kosten von 1,46%5. Das ist der Marktdurchschnitt. Und genau deshalb ist die spannende Frage beim neuen AVD nicht, ob es theoretisch besser sein kann, sondern ob es in der Fläche wirklich besser wird. Oder ob sich einfach die Etiketten ändern und die teuren Produkte weiterverkauft werden.

Der echte Fortschritt beim AVD ist übrigens nicht der Kostendeckel. Sondern dass du nicht mehr zur Beitragsgarantie gezwungen bist.

Kurz zur Einordnung: Bei Riester musste dir der Anbieter garantieren, dass du am Ende mindestens alles zurückbekommst, was du eingezahlt hast. Das klingt erstmal nach Sicherheit, kostet aber richtig Rendite – denn diese Garantie muss der Anbieter absichern, meist über defensive Anlagen wie Anleihen oder Geldmarkt. Für dich heißt das: Weniger Aktienquote, weniger Wachstum. Beim AVD kannst du frei wählen. Willst du lieber mit 100% Aktien sparen, weil du 30+ Jahre Zeit hast? Kein Problem. Willst du es trotzdem sicherer? Auch ok. Aber du musst die Garantie nicht mehr nehmen. Und das ist ein echter Gewinn.

4. Standard, kein Standard, Garantie, keine Garantie, Rente, Auszahlung – wer soll da durchsteigen?

Jetzt wird es richtig spannend – im Sinne von: richtig unübersichtlich. Schau dir mal an, welche Entscheidungen du als normaler Mensch treffen musst, bevor du überhaupt einen Cent einzahlst:

01

Standard oder frei?

Standard: Kostendeckel, aber eingeschränkte Auswahl. Frei: mehr Auswahl, aber potenziell teurer.

02

Garantie oder nicht?

Garantien kosten Rendite. Ohne Garantie mehr Chancen, aber auch volles Risiko.

03

Rente oder Auszahlplan?

Lebenslange Rente (teuer, sicher) oder Plan bis 85 (flexibel, endlich).

04

Welcher Anbieter?

Neobroker, Versicherer, Fondsgesellschaft, Bank – alle mit anderen Kosten und Produkten.

05

Riester wechseln?

Umschichten oder kündigen? Was kostet der Wechsel? Spoiler: Weiß noch keiner genau.

06

Und das alles ohne Hilfe?

Genau – das ist die eigentliche Frage. Ehrliche Antwort siehe unten.

Mal ehrlich – wenn du nicht gerade hauptberuflich mit Finanzen zu tun hast, wie sollst du da alleine durchsteigen? Das ist wie ein IKEA-Regal ohne Anleitung, nur dass es um deine Altersvorsorge geht und nicht um ein Billy.

Die Reform schafft Wahlfreiheit – was grundsätzlich gut ist. Aber Wahlfreiheit ohne Orientierung ist halt einfach Überforderung. Da braucht es jemanden, der mit dir gemeinsam durch den Dschungel geht und die Varianten auf deine Situation runterbricht. Nicht verkauft, sondern einordnet.

Und dann kommt noch die Lücke zwischen Wissen und Tun

Selbst wenn du dich komplett eingelesen hast, alle Varianten verstehst und genau weißt, was theoretisch für dich das Richtige wäre – dann bist du immer noch nicht fertig. Weil zwischen „Ich weiß, was zu tun ist“ und „Ich mache es auch“ ein erstaunlich breiter Graben klafft.

Das ist das Knowing-Doing-Gap – die Lücke zwischen Wissen und Handeln. Und die kennst du aus dem echten Leben:

  • Du weißt, dass du mit dem Rauchen aufhören solltest. Aber wirklich aufhören? Das ist nochmal was ganz anderes.
  • Du weißt, dass Sport gut für dich wäre. Aber jeden Dienstag um 18 Uhr wirklich ins Studio gehen? Deutlich schwieriger.
  • Du weißt, dass du deinen Riester prüfen und ggf. umstellen solltest. Aber hast du das im letzten Jahr gemacht? Eben.

Genau da setzt gute Begleitung an. Ein guter Berater liefert dir nicht nur das Wissen – sondern hilft dir, es auch umzusetzen. Er macht aus „Sollte ich mal“ ein „Am nächsten Freitag um 14 Uhr setzen wir uns hin und regeln das“. Und das ist oft der springende Punkt.

Beim AVD wird das ab 2027 besonders relevant, weil viele Menschen zum ersten Mal die Chance bekommen, ihre private Altersvorsorge wirklich selbst in die Hand zu nehmen. Theoretisch. Wer aber ohne Begleitung läuft, schiebt es meist auf. Oder entscheidet im Stress das Falsche. Oder macht gar nichts – was bei Altersvorsorge die mit Abstand schlechteste Option ist.

5. Für Besserverdiener bringen die Zulagen wenig

Die ganze öffentliche Debatte feiert die Zulagen: 540 € Grundzulage, 300 € pro Kind6. Klingt erstmal gut, gell?

Das Ding ist: Für einen Doppelverdiener-Haushalt mit ordentlichem Einkommen und zwei Kindern ist das nicht der große Hebel. Der echte Vorteil ist die steuerliche Absetzbarkeit – und die ist auf 1.800 € pro Jahr gedeckelt6. Beim Spitzensteuersatz sind das maximal rund 810 € Steuerersparnis im Jahr.

Gleichzeitig sperrst du diese 1.800 € bis 65 weg. In einem Produkt mit festen Regeln, ohne Zugriff bei Lebensereignissen – oder nur, wenn du die Förderung zurückzahlst. Über 30+ Jahre. Mit dem Risiko, dass die Politik zwischendurch die Spielregeln ändert.

Nett, aber kein Gamechanger. Erst recht nicht, wenn du parallel ohnehin einen hohen sechsstelligen Betrag im normalen Depot liegen hast.

6. Die Einbahnstraße, über die niemand redet

Ein Wechsel vom bestehenden Riester ins AVD soll möglich sein, ohne dass du die Förderung zurückzahlen musst. Aber es ist eine Einbahnstraße. Zurück gibt’s nicht. Und die Wechselkosten? Stand heute noch nicht final geregelt – „sie sollen gedeckelt werden“, heißt es.

Wer heute seinen Riester kündigt oder umstellt, ohne zu wissen, wie die neuen Produkte konkret aussehen und was sie kosten, handelt fahrlässig. So einfach ist das.

Ab Herbst 2026 werden die Leute mit Werbepost und Newslettern bombardiert: „Jetzt wechseln!“, „Letzte Chance!“, „Nicht den Anschluss verpassen!“. Ohne eine ehrliche Gegenstimme entscheiden viele reflexhaft. Und genau da liegt die Lücke, in die ein guter Berater rein kann.

7. Das „staatliche Standarddepot“ existiert noch gar nicht

Der am meisten gefeierte Punkt – ein staatlich verwaltetes Standarddepot als Maßstab für alle anderen – steht so gar nicht im Gesetz. Die Bundesregierung wurde nur ermächtigt, so etwas einzurichten1. Sie darf es also. Sie muss es aber nicht.

Wann kommt es? Welcher Träger? Welche Anlagestrategie? Zu welchen tatsächlichen Kosten? Alles offen. Realistisch läuft das frühestens 2028 oder 2029. Bis dahin bespielen die privaten Anbieter den Markt allein – mit Zeitvorteil und großem Werbebudget.

Wer in den ersten 12–18 Monaten nach Start eine Entscheidung trifft, vergleicht mit einem Maßstab, der schlicht nicht existiert. Das ist so, als würdest du ein Auto kaufen, bevor die Testberichte draußen sind.

8. Die echte Revolution versteckt sich in der Auszahlphase

Und jetzt kommt das Spannende – der Teil, über den tatsächlich kaum jemand redet, obwohl er der wichtigste ist:

Beim AVD bist du nicht mehr gezwungen, dein Erspartes im Ruhestand in eine lebenslange Rente umwandeln zu lassen (das nennt man Verrentungszwang). Stattdessen kannst du einen Auszahlplan bis mindestens 85 wählen7 – du bekommst also jeden Monat einen festen Betrag ausgezahlt, bis du 85 bist (oder länger, je nach Plan). Das ist der echte Durchbruch gegenüber Riester – nicht die Möglichkeit, ETFs zu besparen.

Warum das so wichtig ist: Bei Riester-Rentenfaktoren müsstest du laut Finanzwende 99 Jahre alt werden, um das eingezahlte Geld real zurückzubekommen8. Neunundneunzig. Das bedeutet: Wer mit 85 stirbt, hat real Geld verloren an die Versicherung.

Aber dieser Vorteil wird in der öffentlichen Debatte fast komplett von der Zulagen-Diskussion erdrückt. Wer die Reform wirklich verstehen und einordnen will, muss sich die Auszahlphase ansehen. Und genau da fehlt den meisten die Vorstellungskraft – weil Rente halt weit weg fühlt, bis sie es plötzlich nicht mehr ist.

9. Das politische Risiko über 40 Jahre

Riester wurde 2001 eingeführt und gilt 2026 als gescheitert – politisch „weggereformt“. Wer heute eine 40-jährige Bindung eingeht, muss damit rechnen, dass auch das AVD irgendwann wieder umgebaut wird. Das ist kein Argument gegen Altersvorsorge. Aber ein Argument dagegen, deine gesamte private Vorsorge in ein einziges, staatlich geregeltes Produkt zu packen.

Streuen heißt hier auch: nicht nur dein Geld über verschiedene Anlagen verteilen, sondern auch über verschiedene Regelwerke. Nicht alles in einen Topf, nur weil der gerade gehyped wird.

Die Quintessenz

Das Altersvorsorgedepot ist nicht schlecht. Es ist besser als Riester, der Zwang zur Verrentung fällt weg, der Zugang zu ETFs ist ein echter Fortschritt. Aber es ist auch kein Selbstläufer – und für die meisten ist es nicht die wichtigste Baustelle.

Drei ehrliche Botschaften, die gerade niemand laut ausspricht:

Erstens

Das AVD ist vor allem für Leute gut, die sich ohnehin schon auskennen. Wer sich selbst einen günstigen ETF im AVD-Mantel aussucht, profitiert. Wer ins Standardprodukt läuft oder – schlimmer – in ein teureres Nicht-Standardprodukt vermittelt wird, verliert am Ende mehr, als er durch Zulagen gewinnt.

Zweitens

Für Besserverdiener ist das AVD ein Nice-to-have, kein Must-have. Die steuerliche Förderung ist bei 1.800 € gedeckelt – das ist in einer ernsthaften Ruhestandsplanung ein Baustein. Aber nicht das Fundament.

Drittens

Der wichtigste Dienst, den dir ein unabhängiger Berater gerade leisten kann, ist Bremsen statt Beschleunigen. Warte, bis echte Produkte am Markt sind. Vergleiche mit klarem Kopf. Kündige nichts im Affekt. Lass uns das ordentlich anschauen, nicht verkaufen.

Letzten Endes ist genau das die Haltung, die sonst niemand einnimmt. Banken wollen verkaufen, Neobroker wollen Leads, Versicherer wollen Marktanteile verteidigen. Der unabhängige Berater ist der Einzige, der „vielleicht – vielleicht auch nicht, lass uns rechnen“ sagen kann, ohne dass dabei eine Provision mitschwingt.

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Wenn du das Thema für deine Situation einordnen willst – nicht verkauft bekommen, sondern ehrlich besprochen – meld dich.

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