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Eine Frau sitzt am offenen Fenster in der Nachmittagssonne und schaut nach unten

Sie hatte das Geld.Und hat jahrelang nichts damit gemacht.

Kathrin hat 420.000 Euro geerbt. Und dann lag das Geld jahrelang auf zwei Bankkonten. Weil sie Angst hatte, das Falsche zu tun.

Fallbeispiel: Erbe, das jahrelang auf dem Konto lag

Wie’s war

Kathrin ist Ende dreißig, Architektin in Teilzeit. Mit ihrem Partner und zwei kleinen Söhnen wohnt sie zur Miete in München.

Eigentlich eine richtig gute Ausgangslage: Sie hat 420.000 Euro geerbt.

Nur lag das Geld auf zwei Bankkonten. Seit dem Tag, an dem es ankam. Ohne Plan. Und gesprochen hat sie mit niemandem drüber.

Wenn für die Kinder was Größeres anstand, hat sie aus ihrem eigenen Ersparten bezahlt. Oder ihre Eltern gefragt, sogar bei den Winterschuhen. Das Erbe hat sie nicht angerührt. Als ob’s gar nicht ihr gehört.

Woran’s gehakt hat

Kathrin hatte Angst vor der Entscheidung selbst. Jede Möglichkeit hat sich angefühlt, als könnte sie die falsche sein. Also hat sie lieber gar nix gemacht. Solang nix entschieden ist, kann sie sich auch nicht falsch entscheiden. Und solang kann auch nix schiefgehen.

Das Geld war die ganze Zeit da. Gefehlt hat eine Entscheidung.

Was im Weg stand

Zum einen ihr Vater. Der kommt aus einfachen Verhältnissen und hat sich alles selbst aufgebaut. Sein Grundsatz: bloß kein Risiko. Seiner Tochter hat er jahrelang gesagt, sie soll sich halt selber einlesen und es allein machen: „Lies Finanztest, schau dir ein paar Videos auf YouTube an, so schwer ist das nicht.“ Passiert ist nie was.

Zum anderen das Misstrauen. Ihre einzige Erfahrung mit Finanzberatung war ein Bekannter ihres Bruders. Der hat ihr eine private Rentenversicherung angedreht. Nach zehn Jahren ist sie da mit Verlust wieder raus.

Und als sie dann doch angefangen hat, mit mir zu arbeiten, kam von ihrem Vater sofort: „Pass bloß auf.“

Wie sie’s angegangen ist

Das Geld durfte erst mal liegen bleiben. Zuerst ging’s um Kathrin selbst.

Erst: verstehen, woher die Vorsicht kommt

Im Risikofragebogen (ein wissenschaftlicher Test, der misst, wie viel Auf und Ab jemand beim Geld aushält) lag ihre Risikobereitschaft niedriger als bei 98 Prozent aller Ergebnisse. Sprich: Fast jeder, der den Test macht, ist risikofreudiger als sie.

Im Gespräch hat sie dann selbst gemerkt: Diese Vorsicht hat sie von ihrem Vater gelernt. Und der wiederum von seinem.

Irgendwann hab ich sie gefragt, wie sie verhindern kann, dass sie diese Angst an ihre Söhne weitergibt. Da war’s erst mal still. Dann sagte sie:

„Genau deshalb mache ich das hier.“

Dann: rechnen, mit ihren echten Zahlen

Wir haben eine komplette Ruhestandsrechnung gemacht. Zwei Sachen sind dabei rausgekommen.

Erstens: Wenn das Geld vernünftig angelegt ist, reicht es. Auch ohne eigene Immobilie, auch mit Teilzeit. Im Ruhestand könnte sie sich eine großzügige Wohnung leisten und hätte obendrauf über 2.500 Euro im Monat aus ihrem Vermögen für ihr Leben.

Zweitens: Dass die Inflation am Geld auf Giro- und Tagesgeldkonto knabbert, wusste sie. Ausgerechnet hatte sie es nie. Schwarz auf weiß zu sehen, was sie das Liegenlassen jedes Jahr kostet, war dann doch was anderes. Und sie hat verstanden: Auch nicht anlegen ist ein Risiko. Die Inflation nimmt jedes Jahr was weg. Und die gesetzliche Einlagensicherung schützt nur 100.000 Euro pro Bank. Geht die Bank pleite, ist alles darüber nicht mehr gesetzlich geschützt.

„Ich war immer der Typ: erstmal nichts verlieren. Aber jetzt verstehe ich, dass Nichtstun auch ein Risiko ist.“

Und noch ein Satz von zu Hause ist dabei gekippt: dass es ohne eigene Wohnung nicht geht. „Vielleicht ist das auch nur etwas, das ich von meinen Eltern übernommen habe“, hat sie gesagt.

Erst ganz am Schluss: anlegen

Was sie dafür gebraucht hat, hat sie selbst gesagt: jemanden, der ihr das so aufbereitet, dass sie’s wirklich versteht. Und der ehrlich sagt, was er selbst tun würde.

Also haben wir uns die Grundlagen angeschaut. Warum Marktpreise funktionieren. Warum die meisten aktiven Fondsmanager auf Dauer schlechter abschneiden als der Markt. Und warum unser Steinzeithirn, das uns früher vorm Säbelzahntiger gerettet hat, an der Börse eher im Weg steht.

Danach hat sie entschieden, und aus zwei Konten wurden drei Töpfe. Eine Reserve auf zwei Tagesgeldkonten, jeweils unter 100.000 Euro pro Bank, so weit reicht die gesetzliche Einlagensicherung. Ein Topf für eine mögliche größere Wohnung, sicher geparkt und getrennt vom Rest. Und 185.000 Euro für später, breit gestreut über mehr als 10.000 Unternehmen weltweit.

Halb Aktien, halb Anleihen (also verzinste Kredite an Staaten und Unternehmen). Für den Anfang. Abgemacht war: Sobald sie mehr Erfahrung hat, schauen wir uns das gemeinsam nochmal an.

Die erste Bewährungsprobe

Ein paar Wochen nach dem Start sind die Märkte wegen Trumps Zollpolitik um zehn Prozent eingebrochen. Und ihr Vater hat ihr stante pede einen Artikel dazu geschickt.

Früher hätte das gereicht, und alles wär wieder auf Eis gelegen. Diesmal hat sie angerufen. Ganz ruhig, mit einer Frage:

„Mein Vater hat mir einen Artikel geschickt. Wie soll ich das einordnen? Können wir kurz dazu sprechen?“

Konnten wir. Wir sind’s zusammen durchgegangen. Entschieden hat sie selbst: Sie ist investiert geblieben. Drei Monate später war das Depot deutlich im Plus.

Die Angst war immer noch bisl da. Neu war, dass sie jemanden fragen konnte, der ihr nix verkaufen will.

Wie’s jetzt ist

Das Depot ist dabei fast Nebensache.

Jeder Euro hat eine Aufgabe

Reserve, Wohnen, Anlage. Was für die Kinder ansteht, zahlt sie aus dem Topf, der dafür da ist. Sie hat genauso viel Geld wie vorher. Nur weiß sie jetzt, wofür’s da ist.

Auch das Geld der Kinder hat einen Plan

Für die Kinderdepots gilt jetzt eine höhere Aktienquote. Die zwei haben ja noch viele Jahre Zeit. Vorher lag das Geld einfach auf dem Sparkonto.

Die Vorsicht hat einen Namen

Sie weiß jetzt, dass ihre extreme Zurückhaltung von ihrem Vater kommt. Und dass Nichtstun auch eine Entscheidung ist.

Am meisten gebracht hat ihr, dass nach all den Jahren endlich was entschieden war. Von ihr selbst. Seitdem hat sie bei Geld eine eigene Stimme, auch gegenüber ihren Eltern und ihrem Partner.

Wie sich das anfühlt, hat sie am Ende so gesagt:

„Ich bin so froh, dass ich jetzt einen Überblick bekomme und weiß, was wo wie zu tun ist. Ich hatte einfach keine Strategie – ich war so lost. Und jetzt habe ich das Gefühl, ich werde gesehen.“

Was ich dabei gemacht habe

Ich hab gerechnet, was jede Möglichkeit bedeutet. Ich hab gefragt, woher ihre Sätze über Geld eigentlich kommen. Und ich war erreichbar, als der erste Kurseinbruch kam.

Entschieden hat jedes Mal sie. Wann sie anlegt und ob sie eine Wohnung kauft, das musste von ihr kommen. Auch bei der Wohnung, von der sie anfangs so überzeugt war.

Bei geerbtem Geld ist Nichtstun die bequemste Entscheidung. Sie fühlt sich nur so sicher an, weil keiner sie ausspricht. Gekostet hat sie trotzdem. Jedes Jahr.

Alle Details wurden verändert, um die Privatsphäre der Mandantin zu schützen. Der Verlauf, die Wendepunkte und die Sätze sind echt.

Liegt dein Geld auch noch auf dem Konto?

Deine Geschichte ist eine andere als die von Kathrin. Die Fragen sind oft dieselben. Lass uns in Ruhe drüber sprechen.

Rund 60 Minuten. Du musst nichts vorbereiten, nichts entscheiden, und es folgt kein Anruf hinterher.

Matthias Hawe

Die ersten zwölf Wochen nach dem Erbe.

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