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Fallbeispiel – Von der Hassliebe zur Klarheit

Von der Hassliebezur Klarheit

Wie ein Familienvater lernte, dass sein Vermögen ihm gehört – und nicht umgekehrt.

Fallbeispiel: Mietshaus vom Vater übernommen

Ausgangssituation

Hendrik, Mitte 40, Bauingenieur in einer großen Planungsgesellschaft in Hamburg. Verheiratet mit Sandra, eine Tochter und ein Sohn im Grundschulalter. Sandra arbeitet in Teilzeit. Die Familie lebt von zwei Einkommen plus Mieteinnahmen aus einer Kapitalanlage in Braunschweig.

Diese Kapitalanlage – ein Mehrfamilienhaus mit sechs Wohnungen, das Hendrik 2013 von seinem Vater übernommen hat – ist gleichzeitig sein größter Vermögenswert und seine größte Baustelle. Damals verdiente er als Berufseinsteiger knapp 2.200 Euro brutto. Die Übernahme war eine Bauchentscheidung: Sein Vater war in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, wollte das Haus aber in der Familie halten. Hendrik unterschrieb, ohne die Tragweite wirklich zu überblicken.

Zwölf Jahre später ist aus der Bauchentscheidung glücklicherweise ein ansehnliches Vermögen geworden. Aber auch ein Vollzeitjob neben dem Vollzeitjob. Hendrik fährt regelmäßig zweieinhalb Stunden nach Braunschweig, tauscht Siphons, organisiert Besichtigungen, telefoniert mit der Hausverwaltung.

Dazu kommen drei Dinge, die zusammen den Druck machen. Sechs Wohnungen hängen an einer Stadt, die wirtschaftlich an einem einzigen Arbeitgeber hängt – als der ins Straucheln gerät, kündigen gleich drei Mieter innerhalb weniger Monate. Das Haus trägt sich finanziell zwar knapp von allein, aber wie es in die Gesamtsituation der Familie passt, hat Hendrik nie systematisch betrachtet. Und die Familie plant, nach Süddeutschland zu ziehen und auf einem Familiengrundstück zu bauen – dafür braucht es Eigenkapital.

„Es ist so ein bisschen Hassliebe mit dem Objekt. Wenn es ruhig läuft, ist es eine gute Sache. Aber wenn alles auf einmal kommt, frage ich mich: Will ich das eigentlich noch?“

Was Hendrik suchte, war keine Produktberatung. Er versteht Immobilien, er kann ein Dach flicken, er kann eine Nebenkostenabrechnung erstellen. Was ihm fehlte, war der Blick von außen. Jemand, der nicht emotional in dieses Haus verstrickt ist und die Frage stellt, die er sich selbst nicht stellen konnte: Dient dieses Vermögen noch meinem Leben – oder diene ich dem Vermögen? Geld bedeute für ihn eigentlich Freiheit, sagte er einmal: „die Freiheit, gewisse Dinge tun zu können, ohne sich ständig Sorgen machen zu müssen.“

Die persönliche Geschichte verstehen

Bevor wir eine einzige Zahl anfassten, sprachen wir über Hendriks Geschichte mit Geld. Er wuchs in einer Familie auf, die alle Phasen durchlebte: Sein Vater, ein Chemiker, wechselte vom Angestelltendasein ins Unternehmertum. Es gab Jahre der Knappheit, in denen die Mutter beim Discounter Sonderangebote jagte und die Kinder Turnschuhe vom Aldi bekamen. Dann kamen die guten Jahre, als das väterliche Unternehmen florierte. Und dann der Absturz – eine Insolvenz, ausgelöst durch einen Konkurrenten, der die Firma aus der Insolvenzmasse aufkaufte.

„Ich habe alle Phasen erlebt. Man muss aufs Geld achten, man muss nicht aufs Geld achten – und dann wieder doch. Das prägt.“

Diese Erfahrung hat Hendrik zu dem gemacht, der er heute ist: genügsam im Persönlichen, konservativ bei Einkommensrisiken, aber überraschend mutig bei Kapitalanlagen. Er würde nie ein eigenes Büro gründen – zu viel Risiko, zu nah an der Geschichte seines Vaters. Aber ein Mehrfamilienhaus kaufen mit 2.200 Euro Bruttogehalt? Das hat er gemacht, ohne wirklich nachzurechnen.

Sein Verhältnis zu diesen Immobilien ist deswegen biografisch. Die Oma hatte dort gewohnt, der Vater war dort aufgewachsen. Das Haus zu verkaufen fühlte sich an wie Verrat an der Familiengeschichte.

Die finanzielle Landkarte

Im nächsten Schritt erfassten wir Hendriks komplette finanzielle Situation: Gehalt, Mieteinnahmen, Darlehensreste, betriebliche Altersvorsorge, gesetzliche Rentenansprüche, laufende Kosten. Was dabei herauskam, überraschte ihn: Die Zahlen waren besser als erwartet.

Alles behalten

Mieteinnahmen plus Rente plus Betriebsrente – solide Versorgung im Alter, aber mit anhaltendem Verwaltungsaufwand.

Alles verkaufen

Erlös breit gestreut anlegen – vergleichbare Versorgung, aber ohne den Vollzeitjob neben dem Vollzeitjob.

Das Ergebnis in beiden Fällen: eine inflationsbereinigte Nettoliquidität im Ruhestand von 3.500 bis 5.500 Euro monatlich – und das allein aus seiner eigenen Situation, ohne Sandras Einkünfte und Vermögen.

„Das ist ja im Grunde ein Schippchen mehr, als wir jetzt haben. Wenn Sandra auch noch was mitbringt, sind wir eigentlich schon gut aufgestellt. Das ist schon eine coole Aussicht.“

Damit verschob sich die Grundfrage. Von „Kann ich es mir leisten, etwas zu verändern?“ zu „Was möchte ich eigentlich mit diesem Vermögen anfangen? Und was ist jetzt eigentlich alles möglich?“

Zwischen Bauch und Kopf

Mit einem wissenschaftlich fundierten Fragebogen und einem anschließenden Coaching-Gespräch erarbeiteten wir, wie Hendrik wirklich tickt, wenn es um finanzielle Risiken geht. Das Ergebnis passte zum Bild: kein ängstlicher Anleger, aber auch kein Zocker. Er braucht Verständnis für das, was er besitzt. Die Immobilien sind für ihn greifbar – er kann ein Loch im Dach sehen und flicken. Ein Aktiendepot wäre abstrakt.

Die Frage war deswegen, ob er einen emotionalen Zugang zu anderen Anlageklassen findet. Bei der Übernahme des Hauses war er „total naiv“, wie er selbst sagt, und hat sich erst im Laufe der Jahre eingearbeitet. Dieselbe Lernkurve steht wieder an. Diesmal nicht allein.

Gehört das Haus dir oder gehörst du dem Haus?

In einem unserer Gespräche stellte ich Hendrik genau diese Frage. Sie traf ihn sichtbar.

„Ich habe zunehmend das Gefühl, dass ich Sklave des Hauses bin. Es bindet mich stark – aber auch aus meinem eigenen Anspruch heraus. Wenn ein Siphon kaputt ist, mache ich es selbst, weil der Handwerker ewig braucht. Teilweise macht es mir Spaß. Aber dann nervt es, und die Energie fehlt an anderer Stelle.“

Nach jeder Fahrt nach Braunschweig pendelte er zwischen zwei Gefühlen: „Wenn ich gerade gefahren bin, nach Hause komme: Scheiße, nein, ich will das nicht mehr. Und am nächsten Tag: Mensch, das ist doch eigentlich gar nicht so schlecht.“

In dieser Ambivalenz steckte das ehrliche Ringen eines Menschen, der die rationale und die emotionale Seite einer Entscheidung gleich ernst nimmt. Meine Aufgabe war, ihm die Zahlen an die Hand zu geben, damit er selbst entscheiden kann.

Die Familie ins Bild holen

In der letzten Phase holten wir Sandra mit an den Tisch. Denn die Entscheidungen, die anstanden – Hausbau, möglicher Umzug nach Süddeutschland, Teilverkauf der Wohnungen – betrafen nicht Hendrik allein.

Wir gingen durch, welche Wohnungen sich zum Verkauf eignen: die zwei schuldenfreien, die sofort Kapital für den Hausbau freisetzen würden. Dabei blieb die Drei-Objekte-Regel im Blick, damit aus der Familie kein gewerblicher Immobilienhändler wird. Und für die Finanzierung sprachen wir über einen unabhängigen Partner statt einer schablonenhaften Bankberatung.

Was in diesen gemeinsamen Gesprächen passierte, ging über Finanzplanung hinaus. Hendrik und Sandra fanden eine gemeinsame Sprache für Themen, die vorher schwierig waren. Wenn Sandra früher sein Immobilien-Engagement hinterfragte, nahm er es persönlich. Jetzt lagen die Szenarien auf dem Tisch – kein Vorwurf, keine Meinung, nur Zahlen und Möglichkeiten.

Das Ergebnis

Der Korridor steht

Ob Hendrik alle Wohnungen behält oder schrittweise verkauft – die Altersvorsorge reicht. 3.500 bis 5.500 Euro monatlich nach Inflation.

Er kann entscheiden

Er weiß jetzt, was ein Verkauf bedeutet und was ein Behalten bedeutet. Die Zahlen liegen vor, die Gefühle sind benannt. Sofort entscheiden muss er nicht.

Ein gemeinsamer Fahrplan

Hendrik und Sandra haben erstmals einen strukturierten Überblick. Der Hausbau ist durchgerechnet, die nächsten Schritte sind benannt.

Dazu das Handwerkszeug für das, was kommt: ein fundiertes Risikoprofil als Grundlage für die Anlage, ein Zeitplan für mögliche Wohnungsverkäufe innerhalb der steuerlichen Grenzen und ein unabhängiger Finanzierungspartner für den Hausbau.

Finanzplanung, wie ich sie verstehe, beginnt nicht bei den Konten. Sie beginnt bei der Geschichte, die ein Mensch mit Geld erlebt hat. Hendriks Geschichte – vom Discounter-Einkauf über die Unternehmerjahre des Vaters bis zur eigenen Kapitalanlage – erklärt, warum er so handelt, wie er handelt. Erst wenn man das versteht, findet man gemeinsam den nächsten Schritt.

Namen und persönliche Details sind zum Schutz der Privatsphäre geändert.

Dein Haus macht dir mehr Arbeit als Freude?

Deine Geschichte ist eine andere als die von Hendrik und Sandra. Die Fragen sind oft dieselben. Lass uns in Ruhe drüber sprechen.

Rund 60 Minuten. Du musst nichts vorbereiten, nichts entscheiden, und es folgt kein Anruf hinterher.

Matthias Hawe

Die ersten zwölf Wochen nach dem Erbe.

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